«Kultur 2040» – Trends, Potenziale, Szenarien der Förderung

Wie sieht die Kulturförderung in der Schweiz im Jahr 2040 aus?

Werden schon bald Algorithmen entscheiden, welche Kultur gefördert wird? Werden Künstlerinnen und Künstler in Truman Shows utopische Experimente durchspielen? Wird eine Gedankenpolizei die Kreativen kontrollieren? Das Forum Kultur und Ökonomie feierte 2020 sein 20-jähriges Jubiläum und richtete den Blick nach vorne, Destination 2040: Wie sollen öffentliche und private Kulturfinanzierer ihre Rolle in Zukunft definieren, um eine nachhaltige und wirksame Kulturförderung in der Schweiz zu etablieren? Im Rahmen des 20-jährigen Bestehens und um diesen Themen auf den Grund zu gehen, wurde der Futurist Joël Luc Cachelin beauftragt, die für das Kulturleben relevanten gesellschaftlichen Entwicklungen zu identifizieren, deren Auswirkungen auf das kulturelle Schaffen herunterzubrechen und aus dieser Analyse verschiedene Szenarien zur Entwicklung der Kulturlandschaft und der Kulturförderung in der Schweiz im Jahr 2040 abzuleiten.

Zu bestellen auf der Webseite des Christoph Merian Verlags. 

 

Buchinhalte: Zukunftsszenarien

«Totale Ökonomisierung»

Das Szenario der totalen Ökonomisierung bringt umfassende Privatisierung. Staatliche Instanzen der Kulturförderung verlieren durch Geldmangel, populistische Kritik und mächtige Neo-Stadtstaaten ihre Relevanz. Unternehmen, Mäzene und Crowds springen in die Bresche. Sie bestimmen den Kulturbetrieb genauso wie die Geschichtsschreibung und -speicherung. Wäre eine stärkere Ästhetisierung des Ökonomischen zu erwarten? Arbeitswelten werden zu Wunderländern, Mitarbeiteranlässe zu gigantischen Shows.

«Grundeinkommen»

Die Schweiz führt das Grundeinkommen ein. Im selben Moment werden die Sozialversicherungen heruntergefahren und die bisherigen Wege der Kulturförderung eingeschränkt. Viele Bürgerinnen und Politiker betrachten das Grundeinkommen als allgemeine Förderung unserer Kreativität. Statt punktuell wird nun mit der Giesskanne gefördert. Durch das Grundeinkommen kommt es zu einem Ansturm auf die Kulturinstitutionen. Sie sind Wunderländer des Verweilens, Startrampen des Zeitreisens.

«Big Data»

Maschinen entscheiden statt Menschen, wer welche Mittel erhält. Genauso lassen wir sie entscheiden, welche Vergangenheit gepflegt und in die Zukunft gerettet werden soll. Weitergedacht bestimmen die Robo-Förderer nicht nur über Empfängerinnen und Beträge, sie stellen auch vielversprechende Teams von Kunstschaffenden zusammen. Können die Maschinen abschätzen, was berührt, neuartig, kritisch ist? Erkennen sie tief in unseren Gedankenwelten, wenn sich etwas in uns regt?

«Künstlerkollektive»

Künstlerkollektive stehen im Zentrum. Um die ausgeschriebenen Gelder bewerben sich Cluster vernetzter Künstler und assoziierter Institutionen. Förderung passiert stärker als heute nach normativen Kriterien. Es wird dort Geld vergeben, wo etwas Sinn macht, nicht wo etwas auf quantitative Resonanz trifft. Die Kollektive verstehen sich als institutionelle Influencer, die Stellung beziehen, für Visionen einstehen, Ideen multiplizieren.

«Truman Show»

Die Truman Show wird kopiert. Ganz gemäss dem Kultfilm der späten 1990er Jahre entstehen lauter Kunstwelten, welche Wirklichkeit simulieren. Kulturförderer initiieren, überwachen und werten die Experimente aus. Gesucht werden Wege aus den Wiederholungsschleifen der Gegenwart. Kulturförderung gewichtet Experimente, um neue Visionen zu entdecken. Sie sind eine Art bezahlte Opposition des Mainstreams.

«Gedankenpolizei»

Es geht düster zu und her. Kulturkritische Parteien haben die Macht übernommen. Die Macht des Regimes beruht auf Algorithmen. Sie kontrollieren, was wir online tun, sagen und teilen, was multipliziert wird. Als Gedankenpolizei wollen sie die Kontrolle über unsere Gefühle und Gedanken erlangen. Kulturförderung muss heimlich passieren. Dem Untergrund ist es besonders wichtig, die Erzählungen der Vergangenheit zu schützen. Man erstellt Kopien, druckt aus, versteckt, lagert unterirdisch.